Tuesday, September 17, 2019

Der Ruf der Brombeeren


Man hat hier wohl kürzlich versucht, die tiefen Furchen mit Asphalt zu füllen.
Vergeblich, denn die Canyon-artigen Risse, die die Straße nach Alzonne der Länge nach in einzelne, tektonische Platten spalten, haben den schwarzen Teer verschluckt, wie wenn man ihn ins Innere eines aktiven Vulkans gegossen hätte. Übrig sind nur noch die schwarzen Ränder entlang der Spalten und erinnern daran, dass diese hellgrau-gebleichte, körnige Straße einst pechschwarz und eben war.
Die klappernden, quietschenden Liefer-Camions, die darauf in wohlproportioniertem zeitlichen Abstand entlangrattern, hüpfen und schaukeln von Furche zu Bodenwelle. Man kann hier üblicherweise mit einem Handgruß des Fahrer rechnen, ganz egal, ob man selbst motorisiert, mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Gleichermaßen grüßen auch die Rennradfahrer, die aufgrund ihrer professionellen Ausrüstung daran zweifeln lassen, ob es sich hier um ambitionierte Freizeitsportler oder um Teilnehmer der Tour de France handelt. Denn eine deren Etappen verläuft unweit von hier durch die Région.
Die Straße führt, einseitig von Brombeersträuchern gesäumt, durch hügelige Felder, deren Früchte reifer Stand auf baldige Ernte wartet:  Sonnenblumenkerne, Mais und Rotweintrauben. Aus dem angrenzenden Wald ertönt in Friedenszeiten hin und wieder ein „Peng“, das dem jeweiligen Hasen wohl nicht mehr zu Ohren kam. Der Schall ist ja bekanntlich chronisch verspätet. Heute jedoch wagt sich selbst hier kaum einer mehr freiwillig mit einem Gewehr in den Wald.
Einem Hasen gehörte wohl auch der Fetzen Fell, der seltsam sauber und geometrisch abgetrennt mitten auf der Straße liegt. Er glänzt in der Sonne, wie vom Profil der Camion-Reifen gestriegelt.
Unwahrscheinlich, dass es sich dabei um die Behaarung eines verzichtbaren Körperteils handelt, doch der restliche Hase will den Betrachter nicht seines Optimismus‘ berauben und hat sich im Straßengraben versteckt.
Um die hundert Meter weiter liegt ein Gecko. Die regenbogengrün changierende Schuppenhaut glänzt genauso strahlend wie das gallertartige Kopfinnere, das unter dem plattgewalzten Augapfel hervorquillt. Zwei erstarrte Echsenklauen wurden in dem Moment vom Körper getrennt, als sie beherzt in die Furchen des alten Asphalts nach mehr Standfestigkeit griffen.
Die Verhaltensforschung gliedert die Fauna in drei Sorten: in die Fluchttiere und in solche, die einer Gefahr mit Versteinerung trotzen. Und dann gibt es noch die Aggressiven. Alle sind gleichermaßen chancenlos angesichts eines vollbeladenen Citroen HY auf Routinefahrt. Ab der Größe eines Hasen zumindest ist anzunehmen, dass der Fahrer das Ableben des Zeitgenossen wenigstens kurz registriert hat.
Wie bei Bodenerosion in jeglicher Dimension zutreffend, erkennt man deren ganzes Ausmaß erst aus der Luft. Von der Erde aus sieht man sie in der Regel nicht, außer man steht direkt davor. Das ist beim Grand Canyon nicht anders als bei der Straße nach Alzonne, vorausgesetzt, man ist ein Insekt. Eines, das nicht fliegen kann, hat es hierbei besonders schwer.
Ein runder Käfer, der so schwarz glänzt, wie einst der noch frische Asphalt, hat zur Überquerung der Straße angesetzt. Vermutlich ist ihm diese beim Verlassen der Grasbüschel am Wegesrand wie eine durchgehende Ebene vorgekommen, deren anderes Ufer in abschätzbarer Entfernung mit angenehmen Schattenplätzen winkt. Denn die einzige Gefahr, die dem Käfer heute drohend erscheint, geht von der besonders unbarmherzig heizenden Sonne aus. Deren Wärme lässt den Duft der überreifen Früchte, die sich unter den Brombeerhecken gegenüber sammeln, aufsteigen und über die Straße verbreiten, so dass der Käfer diesem verlockenden Ruf brav Folge leisten muss. Geschäftig wackelt er mit flinken Beinchen über die Höhen und Tiefen des rauhen Asphalts. Noch weiß das Insekt nichts von den Schluchten vor ihm, die seinen Ausflug zur ungeahnten Herausforderung werden lassen.
Wie gering ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass man auf dieser Straße einem Gecko begegnet – und wie viel geringer noch die Möglichkeit, dass man dabei ein Auto fährt, dessen Reifen genau den Weg dieser flinken Kreatur kreuzen.
Als Käfer lebt es sich da, statistisch gesehen, eindeutig gefährlicher. Das muss einem nicht unbedingt bewusst sein. Dieser Käfer hier sieht sein größtes Problem momentan in der scheinbar unüberwindbaren Klamm, die sich in diesem Augenblick vor ihm auftut.
Er läuft ein Stück parallel zum Abgrund. Nach einigen Minuten, die in Insektenzeit umgerechnet, durchaus Tage oder Wochen betragen, erreicht er das Ende der Furche. Er umgeht sie und setzt seinen Weg quer zur Straße fort.
Bald ist er am Ziel, denkt er sich in seinem Käfergehirn, und freut sich schon auf die saftigen Brombeeren. Brombeeren? Wo ist ihr Duft geblieben? Er kann ihn nicht mehr verspüren.
Soll er weiterlaufen? Soll er umkehren?
Wenn Käfer bessere Augen hätten, könnte er die Brombeersträucher, die er zunächst hinter sich ließ, nun klein wie eine entfernte Bergkette vor sich am Horizont sehen.
So aber zweifelt er nun an seiner Mission. Sind die Brombeeren noch da? Gibt es sie überhaupt? Trotzdem beschließt er, seinen Weg erstmal fortzusetzen.
Bis er auf die nächste Furche stößt. Soll er jetzt nach rechts oder nach links abbiegen? Oder doch umkehren? Wo kommt er eigentlich her? Und wo will er eigentlich hin?
Während das Insekt sich existenzielle Fragen stellt, beginnt der Boden fast unmerklich zu vibrieren. Die Staubwolke, die sich am Horizont auftut, kann der Käfer nicht sehen.
Auch das noch! Ein Erdbeben!, denkt er, und entschließt sich endgültig für den Rückweg. Er dreht sich um, geht ein paar Schritte – und steht vor einer weiteren Felsspalte.
Das kann doch nicht sein!, denkt der Käfer verwirrt. In diesem Augenblick fragt er sich zum ersten Mal, wozu er eigentlich Flügel besitzt, wenn er sie gar nicht benutzen kann – und merkt, dass er fürchterlichen Durst hat.

Was soll nun als Nächstes geschehen? Soll der hinter der Staubwolke vermutete Camion über einen spitzen Stein fahren, der seinen Reifen zum Platzen bringt und den Fahrer zum Anhalten zwingt, nur damit der Käfer in Ruhe verdursten kann? Soll Letzterer auf wundersame Weise seine Flügel benutzen und dem Camionreifen um ein Haar davonfliegen? Oder soll er vor Schreck in die Schlucht vor ihm fallen, wodurch er den Camion ebenfalls überlebt, falls er dabei nicht auf dem Rücken landet und infolgedessen langsam verendet? Oder soll, ganz unerwarteterweise, der Raubvogel, der den Käfer schon seit einiger Zeit aus der Luft beobachtet, diesen nun im Sturzflug erbeuten? Schließlich besitzen Käfer auch natürliche Feinde, und dieser Kandidat hätte sich zumindest dieser Gefahr bewusst sein und widersetzen können, indem er den Ruf der Brombeeren ignoriert und gar nicht erst das sichere Dickicht am Straßenufer verlassen hätte.
Wer jedoch weiß, ob derartige Selbstdisziplin nicht zu viel verlangt ist für ein Käferbewusstsein. Obendrein ist nicht gesagt, dass der Käfer aus reiner Gier handelte. Vielleicht gibt es eine Käferfamilie zu ernähren, vielleicht entstammt er einer in Bedrängnis geratenen Käferkolonie und ist entsandt, um neues, fruchtbares Land zu erkunden? Vielleicht ist das Leben diesseits der Straße für Käfer zur Hölle geworden, weil die über das angrenzende Maisfeld versprühten Pestizide sie langsam, aber grausam dahinraffen?
Um die Situation zu erfassen, gilt es, nun den Blick zu verändern, weg vom Innenleben des gepanzerten Helden, und stattdessen beispielsweise einmal die Sicht des am Himmel kreisenden Greifvogels einzunehmen.
Die Straße vibriert nicht wegen eines Lieferwagens. Es sind Panzer, die anrollen, fünf Stück hintereinander. Jeder von ihnen birgt fünf Männer im ungefähr gleichen Alter wie die wehrpflichtigen Söhne der umliegenden Dörfer. Ein paar von den Söhnen sitzen jetzt gerade vielleicht auch in genau solchen Panzern.
Angesichts dessen verliert das Käferschicksal an Bedeutung. Wer erinnert sich schließlich heute noch an ein Insekt von 1944? Selbst wenn es sich im Namen der Sippschaft auf unbekanntes Terrain vorwagte und dabei ungeahnte Gefahren auf sich nahm?
Ein Windhauch, der an diesem heißen Tag unerwartet kommt, weht über den Käfer hinweg und mischt sich nur wenige Meter weiter mit den Abgasen der nahenden Panzer. Er trägt den Duft reifer Brombeeren und erinnert den Käfer, der aus Angst vor dem immer stärkeren Erdbeben inzwischen in Erstarrung verfiel, wieder an seine Mission. Er setzt seinen Marsch entlang des Abgrundes, der kein Ende nimmt, fort. Ein einsames Grasbüschel klammert sich an die Asphaltklippe wie ein Einsiedler, der beweisen will, dass auch die unwirtlichste Gegend bestimmte Vorteile bietet. Selbst wenn er dabei ein Dutzend Mal täglich plattgewalzt wird. Irgendwoher muss der ja Wasser beziehen, denkt sich der Käfer, und wagt einen Blick in die schwarze Tiefe des Abgrunds. Er kann nicht weit sehen. Doch ihm entgeht nicht das verflochtene Wurzelwerk, das von den Grashalmen in die Tiefe führt, und jetzt durch die bebende Erde in Schwingung versetzt ist, ohne dass es reißt. In den Klippen tun sich Risse auf, aus denen Sand rieselt. Der Käfer fasst all seinen Mut, krabbelt über die Kante und befindet sich nun kopfüber in der Senkrechten. Er klettert die Wurzelseile hinab.
Da verdunkelt sich auch schon der Himmel über ihm, während der erste Panzer nur wenige Millimeter oberhalb des Käfers' Hinterteil hinwegrollt. Die Finsternis dauert drei Sekunden, eine Zeit, die dem Käfer biblisch erscheint. Er tastet sich langsam vorwärts, zunächst blind, bis sich seine Augen schließlich allmählich an die Dunkelheit gewöhnen. Jetzt kann er beobachten, wie sich die Risse in den Schluchtwänden langsam verästeln wie ein in Zeitlupe gefilmter Gewitterblitz. Vor Aufregung vergisst er seinen Durst.
Auf die Dunkelheit folgen vier Sekunden Licht, dann wieder drei Sekunden Finsternis, und so fort, bis der letzte Panzer vorüber ist. Das Gewicht jedes einzelnen vergrößert den Spalt im Asphalt um zusätzliche Millimeter, die jeweils einer Käferkopflänge entsprechen. Doch die Schlucht um ihn stürzt nicht in sich zusammen. Als das Erdbeben längst vorüber ist, erreicht der Käfer endlich den sandigen Grund. Davor also hatte er sich so sehr gefürchtet?
Er wandert durch die Schlucht, die ihm jetzt hell erscheint, mit seinem ans Dunkel gewöhnten Blick. Ebenso wie Wege in den Abgrund gibt es auch Wege wieder hinaus, und nach nicht allzu langer Zeit hat der Käfer einen von ihnen entdeckt.
Die Brombeeren hat er noch lebendig erreicht. Doch damit endet diese Geschichte. Denn was dann aus seiner Sippschaft wurde, das steht in einem anderen Buch.











Monday, January 7, 2019

Liebe im All


Sieben Monate lang ging es gut.
 

Die letzten davon hatten wir die Aliens schon nicht mehr unter Kontrolle.

Doch wir wollten es noch nicht wahrhaben.

Eine Begegnung im luftleeren Raum ist zunächst ganz schwerelos.

Natürlich hemmen die Außenschalen das Erleben von körperlicher Nähe. Nur stückweise kann man die Einzelteile der Raumanzüge ablegen, ohne unmittelbar an der eisigen Kälte des Alls, die durch die Lücke im Protect-System eindringt, zu erfrieren.

Aber hat man erstmal den Sauerstoffbedarf so weit aufeinander eingestellt, dass man gemeinsam in einer Kapsel existieren kann, dann verändert sich das Leben im Weltraum.

Auf einmal macht die Aussicht vom Orbit aus nicht mehr ängstlich und ungewiss, denn man entwickelt einen optimistischeren Blick auf die Erde. Erschien vorher der Abstand von 10.000 Fuß noch als unerträgliche Trennung vom kostbaren Lebensraum, so vermittelt der gemeinsame Anblick des entfernten, blauen Planeten in der Schwärze des Alls nunmehr Geborgenheit und eine sanfte Ahnung von Frieden.

Für Menschen, die niemals im All gewesen sind, lässt sich dies am Ehesten mit dem Beispiel eines Sonnenuntergangs über dem Meer beschreiben. Wenn der Feuerball in der unendlichen Weite des tiefschwarzen Wassers versinkt, dann wissen wir ihn nicht verloren. Voll zuversichtlicher Gewissheit erwarten wir den nächsten Tag.

Man atmet gemeinsam in einer Raumkapsel und gleitet, für einen Moment lang frei von jeglichen Sorgen, über der unsicheren Zukunft der Menschheit hinweg.

Auch wenn der Sauerstoffvorrat eigentlich endlich ist, hat uns in diesen Tagen die Ewigkeit besucht. Doch wir haben sie damals nicht wirklich bemerkt, viel zu sehr waren wir da schon mit unseren Aliens beschäftigt. Und weil die Ewigkeit sich auf Dauer nur mit Legenden abgibt, hat sie uns recht bald wieder verlassen.

Es hat angefangen mit kleineren Komplikationen, die zunächst eher harmlos erschienen.

Doch wir bekamen sie nicht unter Kontrolle. Mehr und mehr nahmen sie uns in Anspruch, bis wir schließlich nur noch im Schlaf zueinander fanden, müde und erschöpft vom Kampf mit unseren eigenen Ungeheuern.

Anfangs waren wir so naiv gewesen, zu glauben, unsere Aliens könnten einfach koexistieren.

Doch Aliens sind keine Menschen.
Aliens sind keine sozialen Wesen.
Aliens bleiben immer ein Rätsel.
Je mehr du ein Alien bekämpfst, desto mehr bekommst es Macht über dich.

Das war einer unserer Fehler.

Ich weiß nicht mehr, wann genau
das begonnen hat. Da war ich noch sehr, sehr klein. Als jedem Menschen ein persönlicher Alien aufgebürdet wurde. Damals habe ich noch auf der Erde gelebt und du auch.

Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, an diese Art parasitäre Symbiose zwischen Alien und Mensch, bei der nicht eindeutig feststellbar ist, wer der Nutznießer ist und wer der Wirt.

Manche Menschen bekamen grausame Ungeheuer, die in der Nachbarschaft Angst und Schrecken verbreiten. Oft traf das die Unscheinbaren, die immer allzu höflichen Leute. Doch die größten und hässlichsten Aliens sind nicht unbedingt immer die Schlimmsten.

Manchen sitzt nur ein kleiner Tyrann im Nacken, der für Außenstehende kaum sichtbar ist. Doch diese Art von Alien macht niemals Pause, weil sie keinen Schlaf benötigt. Sie verbrauchen kaum Energie, im Vergleich zu den großen, schwerfälligen Monstern, vor denen man wenigstens immer dann seine Ruhe hat, wenn sie schnarchend ihre üppige Mahlzeit verdauen.

Die Kleinen hingegen verfolgen dich bis in den Schlaf.

Ich wollte so gerne davor fliehen, vor dieser Realität, welche so wenig diejenige war, die ich mir immer erträumte. Ich hatte Geschichte studiert und viel über die Zeiten gelesen, als es noch keine Aliens gegeben hat. Damals gab es zwar Kriege, und die Menschen töteten sich gegenseitig, und man erzählt, dass es da mindestens ebenso grausam zuging wie im intergalaktischen Krieg. Doch auch heute gibt es noch zu viele Tote auf der Erde. Die meisten von ihnen sind Selbstmörder.

Als ich dich zum ersten Mal sah, hab ich deinen Alien noch nicht zu Gesicht bekommen. Doch ich wusste, dass er da ist. Denn du gingst schon damals gebeugt.

Mein Alien hat zu diesem Zeitpunkt ausnahmsweise geschwiegen. Solche wunderbaren Momente der Ruhe habe ich ansonsten nur selten. Mir alleine gelingt es so gut wie fast nie, meinen Alien zum Verstummen zu bringen.

Da der Alien aber nie seine Macht verlieren möchte, drängte er sich schon bald mit doppeltem Getöse zurück in das Blickfeld meiner Aufmerksamkeit. Unerbittlich ließ er in meinem Nacken die Peitsche knallen, während er Kommandos gab wie ein Ausbilder in einer preußischen Kaserne.

Dort brechen sie dein Ego, indem sie dich verbal zunichte machen – dich und alles, was du hast. Um es dann künstlich wiederaufzubauen, bis du in neuem Glanz als Gardeoffizier bereitwillig für sie Parade marschierst.

Mein Alien treibt mich unentwegt an. Dein Alien macht dich handlungsunfähig.

Nach anfänglicher Skepsis fand mein Alien Gefallen an dir und begann, dich ebenfalls kontrollieren zu wollen. Dein Alien wiederum freute sich über die Chance, Macht über gleich zwei Menschen und einen Alien zu übernehmen, und vergab sein lähmendes Gift an uns drei. Woraufhin ihm mein Alien den Krieg erklärte, wovon sich dein Alien jedoch zunächst scheinbar überhaupt nicht beeindrucken ließ.

Ich rede von Krieg nach preußischen Methoden, angeführt durch einen Alien. Ein strahlendes Regiment, dessen schöne Fassade die Illusion der Ehrenhaftigkeit erweckt. Bis man in seiner Mitte den Feldherrn entdeckt: hässlich, eitrig und faulig. Ein widerliches Alien, dessen nichtmenschliche Zwecke jede unlauteren Mittel heiligen.

Doch die Wenigsten bekommen meinen Alien jemals zu Gesicht. Die meisten Menschen nehmen an mir nur die schöne Fassade wahr.

Im All, so dachte ich einst, kann kein preußisches Heer überleben. So was sei in die Geschichtsbücher auf der Erde gebannt. Dabei hatte ich nicht bedacht, dass Aliens im All besser klarkommen als jeder Mensch.

Was ist also passiert?

Mein Alien machte einen Soldaten aus mir. Keinen preußischen Zinnsoldaten, sondern einen echten, intergalaktischen Krieger.

Meine Ausrüstung besteht aus modernster Technologie.
Mein unirdischer Ausbilder lehrte mich Kampfgeist und Disziplin. Er brachte mir bei, wie man eintaucht in einen Kometenhagel, um im Windschatten eines Meteoriten und durch denselbigen getarnt, von hinten in die feindliche Schwadron einzufallen und sie von innen heraus zu übernehmen.

Mein Alien ist ein großer Stratege. Viel Freizeit hatte ich unter ihm nie, doch mir gefiel mein rastloses, abenteuerliches Leben.

Bis ich dir begegnet bin.

Noch nie ist mir wie ab da bewusst geworden, dass sich das Leben eines Kriegers in der Ferne abspielt, jedoch nie zu Hause. In den Momenten in deinen Armen in der Raumkapsel blickte ich oft auf den Heimatplaneten hinunter und malte mir sehnsüchtig das Leben auf der Erde aus, das ich nie hatte.

In meinen Träumen teilte ich es dort mit dir.

Ich stellte mir das kleine Häuschen mit schwarz-weiß-gekacheltem Küchenboden vor, von dem die Katze die verschüttete Milch aufleckt. Oder das Gartenhäuschen direkt am Fluss, in das wir unseren Kindern heißen Kakao bringen würden, wenn sie beschlossen haben, ihre erste Nacht alleine draußen zu verbringen.

Ich malte mir unser Leben auf der Erde aus und realisierte, wie weit ich doch im All davon entfernt war.

Schon bald entwickelte ich im Geiste einen Fluchtplan, wie ich vom Alien unbemerkt entkommen und mich an einem geheimen Ort auf der Erde für immer vor ihm verstecken könnte.

Von nun an trug ich den Plan wie einen heimlichen Schatz im Geiste bei mir. Wenn mich der Alien allmorgendlich in den Kampf antrieb, musste ich nur kurz an das Vorhaben denken und wusste, dass meine Zeit im All ab jetzt nur noch begrenzt war.

Doch dass ich mich verändert hatte, war auch dem Alien nicht entgangen.

Die Kraftanstrengung, ihm für eine Nacht zu entkommen, bevor ich zu dir in die Raumkapsel schlüpfte, überstieg fast all meine Reserven. Und wenn ich dann am nächsten Tag meinen Dienst antrat, wartete er schon mit einer Bestrafung.

Nichtsachtend der Geschichten, die man so hört, dass Menschen, die ihren Alien verlassen, schon nach kurzer Zeit sterben, schwor ich mir feste, im Januar die Flucht in die Tat umzusetzen.

Doch ich wollte nicht ohne dich auf die Erde zurück. Dazu musste ich dich noch von meinem Plan überzeugen.

Als ich dir davon erzählte, wusste ich nicht, dass dein Alien bereits gegen uns intrigierte.

Vor Aliens kann man so gut wie gar nichts geheim halten. Daher gehe ich heute davon aus, dass er von meinem Plan schon sehr früh Wind bekommen hatte.

Er handelte strategisch geschickt.

Wie auch mein Alien hat dir dein Alien mühevoll beigebracht, dass du ohne ihn nichts wert bist.

An dem, was die meisten Menschen glauben, dass man ohne Alien stirbt, hast du vielleicht auch ein bisschen zu wenig gezweifelt.

Kurz, nachdem ich dir von meinem Plan erzählt hatte, verschwand dein Alien ohne Ankündigung und ließ dich mit mir und meinem Alien allein. An deines Alien Stelle übernahm jetzt mein Alien die Kontrolle über dich. In strengem Befehlston wies er dich an, mich in den Sternenkrieg zu begleiten, als wärest du schon immer ein Krieger gewesen.

Doch deine Aufgabe im All war niemals das Kämpfen gewesen. Du wurdest als Diplomat in den Orbit versetzt und hattest nicht mal eine militärische Grundausbildung.

Du kämpftest an meiner Seite, wurdest jedoch schon bald in der Schlacht verletzt. Doch du wolltest dir vor mir nichts anmerken lassen. Hieltest vor mir die Wunde geheim und hofftest, dass dein Alien zurückkehren würde, denn er kann Wunden in kurzer Zeit heilen. Doch dein Alien ließ dich im Krieg allein. Warum nur hast du immer geschwiegen?

Es folgten weitere Wunden, die du stumm ertrugst, während mein Alien dich immer schonungsloser antrieb.

Dann warst du plötzlich verschwunden. Halb ohnmächtig hattest du dich in einer leeren Raumkapsel versteckt und wärest fast alleine verblutet. Doch das konnte ich damals nicht wissen.

Nur äußerst knapp gelang es mir, das gemeinsame Manöver alleine zu beenden, ohne dabei mein Leben zu lassen.

Mein Alien verurteilte dich als Deserteur und verbat mir, dir gegenüber jemals Gnade walten zu lassen.

Ich wurde versetzt in den Sternzerstörer und diente Lichtjahre entfernt.

Sobald ich weg war, kam dein Alien zu dir zurück, und rettete dich in allerletzter Minute. Während er die Wunden heilte, betäubte er den Schmerz mit seinem Gift, das einen die Welt außerhalb der Raumkapsel vergessen lässt.

Als ich noch mit dir die Raumkapsel teilte, hatte mich sein Gift nicht weiter gestört, zählte für mich doch nur die gemeinsame Erinnerung. Und die spielte im Innern der Kapsel.

Doch weil ich mich nicht mehr mit dir in der Kapsel befand, ließ das Amnesiakum nun auch unsere gemeinsame Geschichte in deiner Erinnerung verblassen. Bis in deinem Bewusstsein nichts mehr übrig blieb außer der sicheren Erkenntnis, dass du ohne dein Alien niemals überleben kannst.

An Bord des Sternzerstörers gewann ich den zehnten intergalaktischen Krieg.

Die posttraumatischen Belastungsstörungen, die ich als Andenken an die letzte Schlacht mitnahm, machten einen dienstuntauglichen Veteranen aus mir. Doch ich wurde mit Orden dekoriert und gelte seitdem als Held.

Weil ich ihm zu nichts mehr zunutze war, verlor mein Alien alsbald sein Interesse an mir und suchte sich jüngere, geistig gesündere Krieger. Seither lebe ich ohne Alien.

Ich kehrte zurück in den Orbit auf der Suche nach dir und fand dich nach Monaten schließlich wieder, allein in deiner Kapsel auf der Umlaufbahn treibend.

Auch du warst inzwischen ausgeschieden aus dem diplomatischen Dienst, welcher unter dem starken Einfluss der Vergessenheitsdroge nicht mehr möglich war.

Ich klopfte gegen die Glaskuppel deiner Kapsel, woraufhin du mir müde den Kopf zugewandt hast. Doch in deinen Augen, in denen ich mich damals verlieren konnte wie in einem eigenen Universum nur für uns beide, in diesen Augen flackerte nunmehr bei meinem Anblick nicht mehr das geringste Fünkchen der Erkenntnis auf.

„Ja bitte?“ Du öffnetest die Luke. „Post für Sie.“ Das waren meine einzigen und letzten Worte an dich, mit denen ich dir den Brief übergab, den du jetzt gerade liest.

Vielleicht wirst du aus den Zeilen nur eine einfallsreiche, unterhaltsame Geschichte herauslesen. Dennoch hoffe ich, dass etwas tief in dir drin dich spüren lässt, dass sie wahr ist.

Und dass der Text irgendetwas in dir bewegt, das dich deine Erinnerung an uns beide vielleicht doch irgendwann einmal wiederfinden lässt.