Tuesday, September 17, 2019

Der Ruf der Brombeeren


Man hat hier wohl kürzlich versucht, die tiefen Furchen mit Asphalt zu füllen.
Vergeblich, denn die Canyon-artigen Risse, die die Straße nach Alzonne der Länge nach in einzelne, tektonische Platten spalten, haben den schwarzen Teer verschluckt, wie wenn man ihn ins Innere eines aktiven Vulkans gegossen hätte. Übrig sind nur noch die schwarzen Ränder entlang der Spalten und erinnern daran, dass diese hellgrau-gebleichte, körnige Straße einst pechschwarz und eben war.
Die klappernden, quietschenden Liefer-Camions, die darauf in wohlproportioniertem zeitlichen Abstand entlangrattern, hüpfen und schaukeln von Furche zu Bodenwelle. Man kann hier üblicherweise mit einem Handgruß des Fahrer rechnen, ganz egal, ob man selbst motorisiert, mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Gleichermaßen grüßen auch die Rennradfahrer, die aufgrund ihrer professionellen Ausrüstung daran zweifeln lassen, ob es sich hier um ambitionierte Freizeitsportler oder um Teilnehmer der Tour de France handelt. Denn eine deren Etappen verläuft unweit von hier durch die Région.
Die Straße führt, einseitig von Brombeersträuchern gesäumt, durch hügelige Felder, deren Früchte reifer Stand auf baldige Ernte wartet:  Sonnenblumenkerne, Mais und Rotweintrauben. Aus dem angrenzenden Wald ertönt in Friedenszeiten hin und wieder ein „Peng“, das dem jeweiligen Hasen wohl nicht mehr zu Ohren kam. Der Schall ist ja bekanntlich chronisch verspätet. Heute jedoch wagt sich selbst hier kaum einer mehr freiwillig mit einem Gewehr in den Wald.
Einem Hasen gehörte wohl auch der Fetzen Fell, der seltsam sauber und geometrisch abgetrennt mitten auf der Straße liegt. Er glänzt in der Sonne, wie vom Profil der Camion-Reifen gestriegelt.
Unwahrscheinlich, dass es sich dabei um die Behaarung eines verzichtbaren Körperteils handelt, doch der restliche Hase will den Betrachter nicht seines Optimismus‘ berauben und hat sich im Straßengraben versteckt.
Um die hundert Meter weiter liegt ein Gecko. Die regenbogengrün changierende Schuppenhaut glänzt genauso strahlend wie das gallertartige Kopfinnere, das unter dem plattgewalzten Augapfel hervorquillt. Zwei erstarrte Echsenklauen wurden in dem Moment vom Körper getrennt, als sie beherzt in die Furchen des alten Asphalts nach mehr Standfestigkeit griffen.
Die Verhaltensforschung gliedert die Fauna in drei Sorten: in die Fluchttiere und in solche, die einer Gefahr mit Versteinerung trotzen. Und dann gibt es noch die Aggressiven. Alle sind gleichermaßen chancenlos angesichts eines vollbeladenen Citroen HY auf Routinefahrt. Ab der Größe eines Hasen zumindest ist anzunehmen, dass der Fahrer das Ableben des Zeitgenossen wenigstens kurz registriert hat.
Wie bei Bodenerosion in jeglicher Dimension zutreffend, erkennt man deren ganzes Ausmaß erst aus der Luft. Von der Erde aus sieht man sie in der Regel nicht, außer man steht direkt davor. Das ist beim Grand Canyon nicht anders als bei der Straße nach Alzonne, vorausgesetzt, man ist ein Insekt. Eines, das nicht fliegen kann, hat es hierbei besonders schwer.
Ein runder Käfer, der so schwarz glänzt, wie einst der noch frische Asphalt, hat zur Überquerung der Straße angesetzt. Vermutlich ist ihm diese beim Verlassen der Grasbüschel am Wegesrand wie eine durchgehende Ebene vorgekommen, deren anderes Ufer in abschätzbarer Entfernung mit angenehmen Schattenplätzen winkt. Denn die einzige Gefahr, die dem Käfer heute drohend erscheint, geht von der besonders unbarmherzig heizenden Sonne aus. Deren Wärme lässt den Duft der überreifen Früchte, die sich unter den Brombeerhecken gegenüber sammeln, aufsteigen und über die Straße verbreiten, so dass der Käfer diesem verlockenden Ruf brav Folge leisten muss. Geschäftig wackelt er mit flinken Beinchen über die Höhen und Tiefen des rauhen Asphalts. Noch weiß das Insekt nichts von den Schluchten vor ihm, die seinen Ausflug zur ungeahnten Herausforderung werden lassen.
Wie gering ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass man auf dieser Straße einem Gecko begegnet – und wie viel geringer noch die Möglichkeit, dass man dabei ein Auto fährt, dessen Reifen genau den Weg dieser flinken Kreatur kreuzen.
Als Käfer lebt es sich da, statistisch gesehen, eindeutig gefährlicher. Das muss einem nicht unbedingt bewusst sein. Dieser Käfer hier sieht sein größtes Problem momentan in der scheinbar unüberwindbaren Klamm, die sich in diesem Augenblick vor ihm auftut.
Er läuft ein Stück parallel zum Abgrund. Nach einigen Minuten, die in Insektenzeit umgerechnet, durchaus Tage oder Wochen betragen, erreicht er das Ende der Furche. Er umgeht sie und setzt seinen Weg quer zur Straße fort.
Bald ist er am Ziel, denkt er sich in seinem Käfergehirn, und freut sich schon auf die saftigen Brombeeren. Brombeeren? Wo ist ihr Duft geblieben? Er kann ihn nicht mehr verspüren.
Soll er weiterlaufen? Soll er umkehren?
Wenn Käfer bessere Augen hätten, könnte er die Brombeersträucher, die er zunächst hinter sich ließ, nun klein wie eine entfernte Bergkette vor sich am Horizont sehen.
So aber zweifelt er nun an seiner Mission. Sind die Brombeeren noch da? Gibt es sie überhaupt? Trotzdem beschließt er, seinen Weg erstmal fortzusetzen.
Bis er auf die nächste Furche stößt. Soll er jetzt nach rechts oder nach links abbiegen? Oder doch umkehren? Wo kommt er eigentlich her? Und wo will er eigentlich hin?
Während das Insekt sich existenzielle Fragen stellt, beginnt der Boden fast unmerklich zu vibrieren. Die Staubwolke, die sich am Horizont auftut, kann der Käfer nicht sehen.
Auch das noch! Ein Erdbeben!, denkt er, und entschließt sich endgültig für den Rückweg. Er dreht sich um, geht ein paar Schritte – und steht vor einer weiteren Felsspalte.
Das kann doch nicht sein!, denkt der Käfer verwirrt. In diesem Augenblick fragt er sich zum ersten Mal, wozu er eigentlich Flügel besitzt, wenn er sie gar nicht benutzen kann – und merkt, dass er fürchterlichen Durst hat.

Was soll nun als Nächstes geschehen? Soll der hinter der Staubwolke vermutete Camion über einen spitzen Stein fahren, der seinen Reifen zum Platzen bringt und den Fahrer zum Anhalten zwingt, nur damit der Käfer in Ruhe verdursten kann? Soll Letzterer auf wundersame Weise seine Flügel benutzen und dem Camionreifen um ein Haar davonfliegen? Oder soll er vor Schreck in die Schlucht vor ihm fallen, wodurch er den Camion ebenfalls überlebt, falls er dabei nicht auf dem Rücken landet und infolgedessen langsam verendet? Oder soll, ganz unerwarteterweise, der Raubvogel, der den Käfer schon seit einiger Zeit aus der Luft beobachtet, diesen nun im Sturzflug erbeuten? Schließlich besitzen Käfer auch natürliche Feinde, und dieser Kandidat hätte sich zumindest dieser Gefahr bewusst sein und widersetzen können, indem er den Ruf der Brombeeren ignoriert und gar nicht erst das sichere Dickicht am Straßenufer verlassen hätte.
Wer jedoch weiß, ob derartige Selbstdisziplin nicht zu viel verlangt ist für ein Käferbewusstsein. Obendrein ist nicht gesagt, dass der Käfer aus reiner Gier handelte. Vielleicht gibt es eine Käferfamilie zu ernähren, vielleicht entstammt er einer in Bedrängnis geratenen Käferkolonie und ist entsandt, um neues, fruchtbares Land zu erkunden? Vielleicht ist das Leben diesseits der Straße für Käfer zur Hölle geworden, weil die über das angrenzende Maisfeld versprühten Pestizide sie langsam, aber grausam dahinraffen?
Um die Situation zu erfassen, gilt es, nun den Blick zu verändern, weg vom Innenleben des gepanzerten Helden, und stattdessen beispielsweise einmal die Sicht des am Himmel kreisenden Greifvogels einzunehmen.
Die Straße vibriert nicht wegen eines Lieferwagens. Es sind Panzer, die anrollen, fünf Stück hintereinander. Jeder von ihnen birgt fünf Männer im ungefähr gleichen Alter wie die wehrpflichtigen Söhne der umliegenden Dörfer. Ein paar von den Söhnen sitzen jetzt gerade vielleicht auch in genau solchen Panzern.
Angesichts dessen verliert das Käferschicksal an Bedeutung. Wer erinnert sich schließlich heute noch an ein Insekt von 1944? Selbst wenn es sich im Namen der Sippschaft auf unbekanntes Terrain vorwagte und dabei ungeahnte Gefahren auf sich nahm?
Ein Windhauch, der an diesem heißen Tag unerwartet kommt, weht über den Käfer hinweg und mischt sich nur wenige Meter weiter mit den Abgasen der nahenden Panzer. Er trägt den Duft reifer Brombeeren und erinnert den Käfer, der aus Angst vor dem immer stärkeren Erdbeben inzwischen in Erstarrung verfiel, wieder an seine Mission. Er setzt seinen Marsch entlang des Abgrundes, der kein Ende nimmt, fort. Ein einsames Grasbüschel klammert sich an die Asphaltklippe wie ein Einsiedler, der beweisen will, dass auch die unwirtlichste Gegend bestimmte Vorteile bietet. Selbst wenn er dabei ein Dutzend Mal täglich plattgewalzt wird. Irgendwoher muss der ja Wasser beziehen, denkt sich der Käfer, und wagt einen Blick in die schwarze Tiefe des Abgrunds. Er kann nicht weit sehen. Doch ihm entgeht nicht das verflochtene Wurzelwerk, das von den Grashalmen in die Tiefe führt, und jetzt durch die bebende Erde in Schwingung versetzt ist, ohne dass es reißt. In den Klippen tun sich Risse auf, aus denen Sand rieselt. Der Käfer fasst all seinen Mut, krabbelt über die Kante und befindet sich nun kopfüber in der Senkrechten. Er klettert die Wurzelseile hinab.
Da verdunkelt sich auch schon der Himmel über ihm, während der erste Panzer nur wenige Millimeter oberhalb des Käfers' Hinterteil hinwegrollt. Die Finsternis dauert drei Sekunden, eine Zeit, die dem Käfer biblisch erscheint. Er tastet sich langsam vorwärts, zunächst blind, bis sich seine Augen schließlich allmählich an die Dunkelheit gewöhnen. Jetzt kann er beobachten, wie sich die Risse in den Schluchtwänden langsam verästeln wie ein in Zeitlupe gefilmter Gewitterblitz. Vor Aufregung vergisst er seinen Durst.
Auf die Dunkelheit folgen vier Sekunden Licht, dann wieder drei Sekunden Finsternis, und so fort, bis der letzte Panzer vorüber ist. Das Gewicht jedes einzelnen vergrößert den Spalt im Asphalt um zusätzliche Millimeter, die jeweils einer Käferkopflänge entsprechen. Doch die Schlucht um ihn stürzt nicht in sich zusammen. Als das Erdbeben längst vorüber ist, erreicht der Käfer endlich den sandigen Grund. Davor also hatte er sich so sehr gefürchtet?
Er wandert durch die Schlucht, die ihm jetzt hell erscheint, mit seinem ans Dunkel gewöhnten Blick. Ebenso wie Wege in den Abgrund gibt es auch Wege wieder hinaus, und nach nicht allzu langer Zeit hat der Käfer einen von ihnen entdeckt.
Die Brombeeren hat er noch lebendig erreicht. Doch damit endet diese Geschichte. Denn was dann aus seiner Sippschaft wurde, das steht in einem anderen Buch.